BACK TO THE ROOTS

Vor kurzem behandelten wir im Unterricht die Thematik, wie man mit Sterbenden umgeht. Wie man sie begleitet die schwere Bürde auf sich zu nehmen, das kommende Ende, den Tod, zu akzeptieren. Um dies realistisch betreuen zu können, bekamen wir die Aufgabe eine Zeitleiste zu erstellen, wo wir unsere bisherigen sowie noch die vorliegenden Geschehnisse, die wir geplant haben, nieder zuschreiben. Eine Reflektion, wie wir die Dinge auf unserer eigenes Leben sehen. Jeder kommt irgendwann in die Phase, wo man auf sein Leben zurückblickt. Die einen früher, die einen später. Besonders Menschen, die ihre Wartezeit auf den Tod in Hospize absitzen, nehmen ihre noch verbleibende Zeit auf der Erde anders wahr als die, die keine Diagnose zuvor in der Art bekamen. Die meisten Menschen verbringen ihre Wartezeit damit auf ihr bisheriges Leben zurückzuschauen. Um den Sinn zu finden, wieso es jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, das Leben den Rücken zu kehren. Sie versuchen mit sich selber ins Reine zu kommen. Eine solch schwierige Aufgabe.

Da ich im späteren Verlauf meiner beruflichen Karriere mir so wie so vornahm irgendwann selber in einem Hospiz zu arbeiten. Und dachte ein guten Blick auf meine Vergangenheit, sowie den Blick auf die Grundpfeiler meiner Zukunft zu besitzen, ging ich davon aus, dass mir die Aufgabe leicht fiel. Wie gesagt, das dachte ich mir. Nun saß ich da auf meinem Platz, mit einem Kugelschreiber in der rechten Hand und ein Stück Papier, wo einige Schlagwörter über die Vergangenheit standen. In diesen Moment wurde mir bewusst, dass ich meine Vergangenheit nur oberflächlich wahrnahm und an sie erinnerte. Ich sah nicht den tieferen Kern der Auswirkung, die sie bis heute auf mich hatte. Die Tränen flossen. Geprägt von Selbsthass, Selbstverleugnung, SVV und Auseinandersetzungen mit meiner Umwelt, wurde ich der Mensch, der ich heute bin. Ein Mensch, der bis zu den heutigen Tag blind vor dem eigenen Spiegelbild stand. 
Ich bin mittlerweile siebzehn Jahre alt und erhaschte vielleicht einige Blicke auf mein Spiegelbild und nahm einige Teile meiner Selbst wahr. Aber der trübe Schleier, der mir ein vollständiges Bild bisher verwehrte, übersah ich. Der Schleier umhüllt mich nach wie vor noch und die Dunkelheit berührt mich ab und zu. Die innigen Umarmungen der Dunkelheit wurden zur Zeit zu stumpfen Berührungen, die ich nicht mehr wahrnahm und somit in Vergessenheit rieten. Ich baute auf dieses Fundament eine Hülle auf, die ich heute Persönlichkeit nenne. Genau diese Persönlichkeit fängt allmählich an zu bröckeln. Ich spüre langsam wie die einzelnen porösen Fragmente an meiner Nasenspitze abfallen und ein kratzendes Gefühl im Hals hinterlassen als würde sie jeden Moment mir die Kehle zu schnüren. Mich der Atmung berauben, die ich doch so sehr zum Überleben brauche.

Das Ornament meiner Persönlichkeit ist nun mit Löchern überzogen. Sie gewähren mir tiefe Einblicke in mein Inneres, was mir so lange verwehrt blieb. Was ich sehe, ist ein verkümmerter Keimspross, der lange von niemanden beachtet oder geschweige umsorgt wurde. Hauptsächlich von mir selbst. Der Drang überkommt mich, mich um diesen Keimspross zu kümmern. Ihn wieder aufzupäppeln. Ihn umzubetten in einem neuen fruchtbaren Boden.